Die Welt der Mizuki Wildenhahn

(Neue Westfälische vom 06.04.2018)

Filmpremiere: Die Bielefelder Kamerafrau und Regisseurin Beate Middeke porträtiert in ihrem Dokumentarfilm "Frau Wildenhahn" eine 92-jährige Japanerin, die in Hamburg lebt. Es gibt drei Aufführungen im Lichtwerk

Von Anke Groenewold

Geisha, Fuji, Harakiri. Diese drei Begriffe fielen Deutschen in den 1970er Jahren zu Japan ein. Zu wenig und zu viel Klischee, fand Mizuki Inai, die in den 50er Jahren in London den deutschen Dokumentarfilmer Klaus Wildenhahn kennengelernt und geheiratet hatte. 1977 eröffnete sie in Hamburg ihren Laden "Ars Japonica", um den Deutschen zu zeigen, was japanische Kultur ist.

Heute ist sie 92 Jahre alt und steht immer noch in ihrem winzigen Geschäft an der Reeperbahn und verkauft Traditionelles aus Japan. "Sie ist eine Institution in Hamburg", sagt die Bielefelder Filmemacherin Beate Middeke. Wenn Landsleute das Heimweh plage, schauten sie bei Mizuki Wildenhahn vorbei, die das alte Japan verkörpert.

Die Frau begeisterte die Bielefelder Kamerafrau Beate Middeke auf Anhieb so sehr, dass sie sich entschloss, einen Film über sie zu drehen - neben ihrem Vollzeitjob an der Kunsthochschule für Medien in Köln und auf eigene Kosten. Denn Fördergelder für Autorenfilme jenseits des Mainstreams gebe es nicht mehr, so Middekes Erfahrung.

So zogen sich allein die Dreharbeiten über zwei Jahre hin. Nach dem Schnitt untertitelte die Regisseurin die gebrochen Deutsch sprechende Mizuki Wildenhahn noch. "Ein Kraftakt", sagt Beate Middeke rückblickend. Doch es hat sich gelohnt: "Frau Wildenhahn" ist die Begegnung mit einer ungewöhnlichen Frau und der japanischen Kultur gleichermaßen.

Beate Middeke bleibt dem "Direct Cinema" und der Suche nach Wahrhaftigkeit treu. Sie konzentriert sich auf die Beobachtung dieser einen Person. Sie greift nicht ein, inszeniert nicht, ist nie selbst im Bild und nur selten mit einer Nachfrage zu hören.

Frau Wildenhahn hat die Regisseurin erst nur in ihr Geschäft, dann in das kleine Büro dahinter und schließlich in ihre Wohnung gelassen. "Es ist ein Kammerspiel", sagt Middeke. Und eine sehr behutsame, leise Annäherung an eine Frau, die selbst Behutsamkeit, aber auch Stärke, Prinzipientreue und Werte verkörpert.

Liebevoll streicht Mizuki Wildenhahn über den geschliffenen Bambus eines goldroten Fächers, und man hat das Gefühl, dass sie ihn nur ungern an einen Käufer verlieren würde. Glücklicherweise kostet er 416 Euro. Ob sie Schriftzeichen pinselt, Essen kocht, ein Paket versandfertig macht oder mit einem mädchenhaften Kichern auf einen Zettel zeigt, auf dem die Ermahnung "Kauen" steht, oder ob sie vorführt, wie sie die gefährliche Badewanne meistert - alles geschieht mit Gelassenheit, Konzentration, Nachdenklichkeit, auch Heiterkeit. Statt die Stationen eines "aufrichtigen, geraden Lebens", so Middeke, abzuhaken, tupft Mizuki Wildenhahn einige Impressionen auf die Leinwand: Wie sie im Nachkriegs-London zum Dienstmädchen bei den reichen Tates wurde, aber das Bedienen so lange verweigerte, bis die Herrschaften sie Miss Inai riefen satt Mizuki. Wie sie lieber Putzfrau sein wollte als Privatsekretärin im diplomatischen Dienst, weil sie sich beim Putzen freier fühlte ("Mutter hat mich frei fliegen lassen"). Wie ihre Ehe mit dem Filmemacher Klaus Wildenhahn, mit dem sie zwei Kinder hat, nach zehn Jahren scheiterte.

Geld war immer knapp bei Mizuki Wildenhahn, aber sie strahlt Zufriedenheit aus und lebt selbstbestimmt. Sie liebt das Leben in der Stadt, will ins Museum oder Kino gehen können. Wer nur in die Landschaft schaue, "veraltere", sagt sie.

"Frau Wildenhahn" hat am Sonntag, 8. April, 12 Uhr, im Lichtwerk Premiere (Restkarten). Beate Middeke stellt ihren Film vor. Eine zweite Vorstellung mit der Regisseurin ist am Sonntag, 15. April, 13 Uhr. Gezeigt wird der Film zudem am Donnerstag, 19. April, 16 Uhr.

 

Filmemacherin Beate Middeke erhält 'Stern der Woche' für ihre Dokumentation "Frau Wildenhahn".

(Neue Westfälische vom 07.04.2018)

Beate Middeke war von Anfang an klar, dass es schwer werden würde, für ihr Porträt einer 92-jährigen Japanerin, die in Hamburg den kleinen Laden "Ars Japonica" führt, Filmförderung zu erhalten. Das Thema sei zu wenig Mainstream, sagt die Bielefelderin, die in Bad Driburg und Bad Salzuflen aufwuchs.

Mizuki Wildenhahn sei eine Hamburger Institution, aber nicht prominent. Zudem stemmt sich Beate Middeke gegen den Trend der inszenierten, polierten Dokumentation. Die 52-jährige Kamerafrau und Regisseurin, die an der Kunsthochschule für Medien in Köln arbeitet, ist eine Vertreterin des "Direct Cinema". Sie konzentriert sich auf das Beobachten und greift auf der Suche nach dem Authentischen so wenig wie möglich in das Geschehen ein.

Den Film über Mizuki Wildenhahn drehte sie allen Widrigkeiten zum Trotz. Allein die Dreharbeiten zogen sich über zwei Jahre hin. Und sie finanzierte alles selbst.

Es hat sich gelohnt. "Frau Wildenhahn" ist so leise, stark und behutsam wie die Japanerin selbst. Middeke zeigt unaufgeregt deren Alltag zwischen Laden, Büro und Wohnung. Wildenhahn erzählt aus ihrem Leben und davon, welche Werte ihr wichtig sind. Middeke gibt den Zuschauern die Chance, diese Persönlichkeit langsam zu entdecken - auch jenseits der Worte.

Für das bezaubernde Porträt, aber auch für ihre Hartnäckigkeit, jahrelang für ihr Projekt zu kämpfen und ihrem dokumentarischen Stil treu zu bleiben, verleihen wir Beate Middeke unseren Stern der Woche.

Der Film ist an diesem Sonntag, 12 Uhr, am 15. April (13 Uhr) und 19. April (16 Uhr) im Bielefelder Lichtwerk zu sehen.

Eine Initiative der Neuen Westfälischen (NW), der Lippischen Landes-Zeitung (LZ) und des Haller Kreisblatts (HK).